Routine oder nicht Routine

Die liebe Nicmag, deren wundervollen Blog ich durch das Elbebloggerprojekt kennenlernen durfte, rief zu einer Blogparade auf.

Da mir das Thema so gut gefällt und ich mich gerade erst vor kurzem um einen kleinen grauen Mann sorgte, der sich in seiner Routine verworren und verwurschtelt hatte und der mir insgeheim gar nicht so unähnlich ist, fühle ich mich angesprochen.

Ich bin ihrem Ruf gefolgt und trage, während ich ganz untypisch für mich meinen Frosch-im Hals-Tee trinke, mal zusammen, wie wichtig mir Routine und Rituale sind. Und ob sie überhaupt einen Unterschied machen. Und in welchen Bereichen des Lebens sie auftauchen.

 

Einfach mal durchziehen

 

Googelt man nach Frauen und Routine findet man schnell Verweise zu den Seiten wie:

Routine muss nicht aufkommen!

Raus aus der Routine

Sexleben auffrischen! Schluss mit Routine

Wie man die Alltagsfallen umgeht

…und täglich grüßt das Murmeltier!

Aber auch: Routine OP, Routine Untersuchung, Routine Workout…usw.

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Rituale schweißen Menschen zusammen

Routine begegnet dem Menschen überall und nicht bloß dem Individuum, sondern ganzen Menschenmassen. Da wird von „routiniertem Arbeiten“ gesprochen und wie man es im Team zum Erfolg schafft oder auch von dem Phänomen, dass Routine nütze, um planbar bleiben zu können. Jedoch, wem nützt sie?

Sicherlich, wir können alles sein was wir wollen. Wir können auch alles machen was wir wollen und wir können auch alles lassen.

Ich merkte es selbst während meiner Ausbildung zur Erzieherin. Ich war mir nicht immer felsenfestsicher, was ich werden oder was ich sein wollte und ob ich tatsächlich als Pädagogin glücklich werden könnte. Ständig zweifelte ich an mir und meinen Zukunftswünschen und gefühlte hunderte Male wollte ich abbrechen. Die Routine half mir, am Ball zu bleiben.

Beweggründe, die individuell sind und mich persönlich motivierten, aber nicht automatisch das Rezept für dich oder dich sein müssen. Die Krux ist, es selbst herauszufinden. Und wie geht das? Indem man einfach mal durchzieht. Sich und der Sache Zeit und der Routine eine Chance gibt. Routine muss reifen. Wie eine Frucht.

Ich litt nicht (nur ein wenig), es tat aber nicht genug weh, dass ich den Weg nicht weiter gehen wollte. Also biss ich auf die Unterlippe und blieb. Ich schaffte mir während der Zeit kleine Rituale, versuchte meine innere Sicht zu den Dingen zu verrücken, anstatt etwas an den äußeren Umständen zu drehen. Und ich lernte wundervolle Menschen kennen, die den Weg mit mir gemeinsam beschritten. Wenn dir deine Struktur nicht dabei hilft, ein Ziel zu verfolgen, dann ist es nicht das richtige Ziel.
Dann versteckt sich die Routine unter einem Deckmantel, der aus den Nähten der Herde gestickt ist. Dann wird es Zeit etwas zu verändern und glaubt mir, der Körper, dieses Wunderding, gibt einem da ganz tolle Signale!

 

„Meine Routine gehört zu mir – wie mein…“ schon gut…

 

Zu mancherlei Routine wurde ich gezwungen. Sie wurde mir auferlegt. Manches Ritual tat mir gut, ein anderes nicht. Aber beide machten Sinn. Sie gehören zu meiner Entwicklung dazu. Denn provokante Rituale, die man sich in der Jugend aneignet oder fragwürdige Routinepfeiler, wie alles Maßlose, den Körper beeinträchtigende, muss man mal erlebt haben. Reibungen sind wichtig. Weil sie Spannung erzeugen. Aber auch Wärme.

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Rohesser sind mein Ritual und Laster

Heute weiß ich, dass ich am Morgen schnellstmöglich etwas zum Frühstücken brauche, weil ich sonst knatschig werde. Aber bitte nicht direkt nach dem Aufstehen und bitte Milch für den Kaffee. Und ein Salatblatt fürs Brot. Frischkäse und O-Saft. Am liebsten einige Rohesser. Danke. Nicht falsch verstehen: oben genanntes schlichtweg meine Routine umfasst. Bin ich bei euch, bin ich ein guter Gast!

Die Routine macht dich zu dem, was du bist. Sie macht Sinn, wenn es für dich Sinn macht. 

Ich habe sie mir zum Freund gemacht und sie mit kleinen Ritualen gespickt und gepökelt.

Ich brauche Routine, um meinen Alltag zu strukturieren. Um mich selbst zu organisieren, ohne meine Umwelt außer Acht zu lassen. Ich möchte nämlich trotzdem noch nach rechts und links blicken können, ohne wie der Hamster im Rad zu enden, auch wenn ich mich beispielsweise selbst dazu entschieden habe, den immer selben Weg zum Park oder zum Supermarkt zu bestreiten.

Das Leben bietet ohnehin so viel Abwechslung und Eindrucksüberflutung, dass ich meine persönlichen Inseln brauche. Meine neu erworbenen Vokabeln, kann ich mittlerweile im Schlaf. „Sie sind zu einer Routine“ geworden“. Das mag ich.

 Aber bitte mit Abwechslung

Jeder noch so eingefahrene Alltagsschritt lässt sich ins Positive umkehren. Das mag sich esoterisch anhören und ist es auch. Aber nicht schlimm, denn nur im inneren Bereich können Persepektivwechsel und Weitsicht (nicht zu verwechseln mit Weinsicht!) langfristig vollzogen werden.

Sich mal etwas ganz verrücktem zu nähern, eine andere Frisur zu wagen, alte Bücher zu lesen, ins Gespräch mit Fremden gehen, neue Gedanken zu denken, sich einen anderen Sitzplatz suchen. . . Können diese Ansätze nicht sehr erfrischend sein und sich mitunter „knallvergnügt“ auf die alltägliche Routine auswirken?

Der eingefahrene Alltag schafft immer noch Platz für Variation, auch wenn der Morgen um 7:30 Uhr beginnt, weil die Bahn um 8:00 Uhr fährt. Auch wenn man schon wieder das Brot mit Käse und Tomate belegt hat und man Schritt für Schritt in den gleichen Schuhe geht und die immer gleichen Gesichter vor dem Haus trifft.

 

König Motivation  

 

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Farbe im Spiel sieht für jeden anders aus. Grau ist auch eine Farbe!

Der Grund, Farbe ins Spiel zu bringen, aus der Routine auszubrechen, muss gegeben sein. Er ist die Motivation für Veränderung, Abwechslung oder Ritustreue. Es kommt darauf an, ob man die Mauern der Routine überhaupt als solche betrachtet und ob man sie aufbrechen oder zumindest lockern will.

Der beste Grund ist die eigene Motivation: Taten ergeben sich nur im Handeln und nicht in den Worten, die man darauf verschwendet.

 

Eine Checkliste: 10 Gründe warum du nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fährst  (beliebig austauschbar 😉

 

  1. Du besitzt gar kein Fahrrad
  2. Dein Fahrrad ist zu alt
  3. Der Weg ist zu weit
  4. Du hast Angst alleine unterwegs zu seincycling-828646_640
  5. Du musst früher aufstehen
  6. Du hältst dich für unsportlich
  7. Du möchtest erst XY umsetzen, bevor du mit dem Fahrrad zur Arbeit fährst
  8. Du hast nicht die richtige Kleidung, wenn es mal regnet
  9. Du hast es mal versucht, bevor es dann wieder eingerissen ist
  10. Du weißt eigentlich gar nicht, warum du nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fährst

Was schließt du daraus? Das es ganz allein dein Ding ist, Gründe zu finden und Konsequenzen folgen zu lassen. Ich kann dir Tipps geben, wie du die oben genannten Punkte in die Umkehr wandeln kannst, aber mal ehrlich: Weißt du das nicht selbst? Eine helfende Hand, kann ich dir hingegen anbieten, denn die brauch auch die unerschütterlichste Motivation eimal. Schließlich ist es zynisch zu behaupten, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei.

Rituale schafft man sich nur, indem man mit ihnen beginnt.

B E G I N! Das Mantra des Anfangs, das ABC des Startschusses und nicht zuletzt weil die Buchstaben im Alphabet nacheinander erfolgen. Dann entscheide, ob du die Rituale behalten, oder du sie eben nicht verinnerlichen willst. Tun sie dir gut? Oder vermischst du die Rituale lieber und willst flexibel bleiben? Geht der Besuch beim Inder immer mit der 2, 5 und 20 scharf zu Ende oder nimmst du die 2 und die 5 wie immer, verzichtest bei der 20 auf die Nudeln und bestellst Reis?

Gut so.

„Denn du bist nicht auf der Welt um zu sein, wie andere dich gerne hätten.“

Ich habe mir heute morgen versehentlich Muskat statt Zimt in meine Haferflocken gemischt. Hat geschmeckt. Überraschenderweise.

Rituale schaffen und brechen

 

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Heiratsritus in Indien

 

 

Rituale sind etymologisch betrachtet kulturell und symbolisch bedingt und lassen mich erfahrungsbegründet zunächst zurückschrecken, denn Familien – oder Dorftrrituale, die sich auf Traditionen wie „man müsse es so machen, weil man es immer schon so gemacht hat“ basieren, sehe ich als streitbar. Oder als romantisch? Traditionell? Nostalgisch?

Freundet man sich mit dem Gedanken an, dass es sich, wie Eni schreibt, um kleine „Wohlfüloasen“ des Alttages handelt, erscheint der Bergriff gar nicht mehr so starr und streng,

Rituale, wie sich vor dem Schlafengehen noch ein Hörspiel anzuhören, ein Buch immer auf dem selben Möbelstück zu lesen oder prinzipiell das gleiche Parfüm im Alltag aufzulegen, schafft sich der Mensch, um etwas zu haben, dass ihm von niemandem genommen werden kann. Es ist fast wie mit einer Tätowierung, mit dem Unterschied, dass man Rituale nochmal überdenken, ändern und variieren kann. (Also doch nicht wie ein Tattoo?!)

Indem ein Mensch ein Ritual zum Gegenstand

seines Alltages macht,

gehört es zu ihm.

Das Ritual zeichnet ihn aus.

Es ist das Monogramm seiner Routine.


 

Bunte Routine

Immer
Magenleer erwach ich aus der Nacht
Der Tag beginnt mit Sahne im Kaffee
Kaum ein Spritzer Wasser im Gesicht
Schon betippen Finger den PC
Dauernd
Fischölkapseln schmeiße ich am Morgen
“Die bringen nüscht” – so mein Doktor
Ritustreu leg ich den Schwur auf sie
enteigne schlicht den Sinnfaktor.
Ständig
Der Sport zum Mittag hebt die Kräfte
jagt sie in die Schenkel stramm
Ob ich das durchzieh jeden Tag?
Fang erst morgen mit dem Training an!
Permanent
Die warme Mahlzeit ist Routine
Wann? Egal. Nur pünktlich sozusagen.
Auch gehe ich zum Essen aus
Stets an Sonn- und Feiertagen
Kontinuierlich
Ich sorge sicherlich für Abwechslung
Das selbe speise ich zum Mittag nie
Statt Fleisch darf es auch Bratwurst sein
Ja! Ich bin ein Variationsgenie.
Nie
Aus Kuchen mach ich mir nicht viel
Ich lasse ungern mit mir handeln
Das Leben lebt sich längst zu kurz
Um täglich Altbewährtes zu verwandeln.
Häufig
Der Nachmittag ist für Schandtaten gut
Da bin ich flexionell* gebaut
Schließlich leb ich nach Devise:
“Striktes Wohlfühln in der Haut”
Normalerweise
Der Abend lebt sich langweilig
Kalte Küche ist empfehlenswert
Von selbst passiert mein Tag Revue
Ich glaube, morgen start‘ ich ihn mal umgekehrt!
*individuell-flexibel


 Danke für die Aufmerksamkeit!


 

Eure

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9 Comments on "Routine oder nicht Routine"

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Franziska von Schleyen
Gast
2 years 1 month ago

„Rituale sind das Schaumbad deines täglichen Lebens“ Franziska von Schleyen

Danke liebe Jenny für den schönen Artikel. Herzliche Grüße nach SF

Nicole
Gast
2 years 1 month ago

Liebe, liebe Jennifer! Wie konnte ich dich und deinen Beitrag nur vergessen? Ein Skandal! Nun, hier die vollständige Zusammenfassung. Ich hoffe, du verzeihst mir! Liebe Grüße Nicole

trackback

[…] Last, but not least, hat auch die wunderbare Jennifer auf schriftverkehr.net einige sehr differenzierte Betrachtungen zu Routine und Ritualen angestellt. Spannende Erkenntnis: Es gibt Phasen, in denen Rituale helfen, unangenehme Routinen besser zu ertragen. Zudem hat sie das Thema gewohnt poetisch aufgegriffen. Aber schaut einfach selbst bei Jennifer und ihrem Beitrag. […]

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