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Die kleine Gute-Nacht-Geschichte der Achtsamkeit

Nach dem Abendspaziergang ist mir überwältigend bewusst geworden, wie früh es bereits dunkel wird. Die Nacht bricht plötzlich wieder mitten am Tag herein. Danach musste ich diese Geschichte aufschreiben, über die Nacht und den Tag und einen Hauch von San Francisco.  Ich schenke sie dir, viel Freude beim Lesen.


Schwer kleckste der Tag
die Nachttinte über mir aus
Ich sah dich nicht mehr
Und du warst noch nie hier
Mein Herz hängt nur an dir.

Mitten am Tag die Nacht

Die Dämmerung machte es sich bereits um Fünf tieforange am Küstenufer bequem. In der Ferne gähnte jemand ein paar Seifenblasen aus und der spitzfindige Wind schlängelte sich scharf um die viktorianischen Hauserker der Vierundzwanzigsten. Auf den gelbbepinselten Straßen wirbelte er die letzten Reste Mischlaub auf, übriggeblieben aus dem Herbst. Irgendwo in Ingelside rüttelte er an den Zikaden. An der Kreuzung fuhr wer zuerst kam und das lichterkettenschwerbehängte Fahrrad nahm dem Boosted, unterwegs zu den Twin Peak, die Vorfahrt.

Der Tag hing in seinen letzten Zügen und obwohl er noch lang nicht ans Zubettgehen dachte, konnte ich ihm ansehen, wie müde er geworden war. Verstohlen hatte er seine Wollmütze in die geräderte Stirn gezogen Die Sonne warf lakonische Spiegelblitze auf sein Haupt und die Hafenkrähne gegenüber in der East Bay schmiegten erhaben ihre Köpfe ins Panorama. Sie störte das nicht im Geringsten. Nur der Tag versuchte vergeblich über die Zeltdörfer am Straßenrand des Brückenkopfes hinwegzusehen, während er wimmernd einsehen musste, dass ihn das Leben wieder einmal in die Knie gezwungen hatte.

»Die Krone richtet sich beim Fallen«, rief ihm die untergehende Sonne keck entgegen. Der Tag presste seine Augenlieder zusammen. Sein sentimentaler Blick klebte am Firmament. »Morgen fühlst du dich wieder wie neu geboren«, sagte die Sonne dann noch, aber der Tag wollte sich keinen Mut machen lassen. Tapfer beobachtete er, wie den Schattenschluchten der Wolkenkratzer Downtowns langsam die Puste ausging und sie stattdessen vom künstlichen Blick der Öllampen abgelöst wurden. Er schwenkte seine Sicht rüber zum Stadion. Ein paar Möwen hinterließen eine Flugshow über dem AT&T Park. »Wenn es doch nur schon wieder morgen wäre«, dachte der Tag.

»Ob ich morgen was erreichen kann? Drüber schlafen dauert immer so lange.«
Die Möwen unterbrachen ihre eingebildete Schau und beschrieen die Flutlichtanlage des Baseballstadions, dessen Strahler nach und nach den Platz befeuerten. Dann stürzten sie auf die Hot Dog Würstchen, die sich in Bürgerbrötchen aalten und in ihrem eigenen Saft badeten.

 »Die haben Probleme«, seufzte die Nacht. Entschlossen bekleckste sie das Taghell mit dem Blau der Nachttinte, markierte das Tagesende und breitete ihre Arme über der Stadt aus.

Von nun an sollte sie ihre Silhouette fest im Griff behalten. Bis zum anderen Morgen. Im Himmel hing ein letzter Segelflieger. Er zog eine Stoffreklame hinter sich her. Dann verschwand auch er im Dunst des Abends. Die tröpfchenschwangere Nebelwand, die auf den Namen Karl hörte und nichts von ihrem eigenen Twitteraccount ahnte, hatte sich vom Ocean Beach auf den Weg über die City-by-the-Bay gemacht und rollte routiniert ihren weißen Schleier über ihr aus. »Komm mir nicht in die Quere«, schrie die Nacht. »Ich bin hier der Boss!«

Auf der Market Street Ecke McAllister roch es nach heißem Asphalt und Urin. Die Straßenbauer waren gerade erst wach geworden, während die Beanzugten des Financial Districts an ihnen vorbeizogen, um aus Tagesrenditen Wodka zu machen und aus Start-Up- Gedanken Schnee von gestern. »Street Sheet«, schrie ein obdachloser Junge inmitten der Szenerie und wedelte mit seiner Zeitung.

»Der blutjunge Feierabend hält Einzug in San Francisco, wenn du in Deutschland bereits seit Stunden die langen Gesichter der Straßenlaternen in deinen dunkellilagefärbten Fensterscheiben ausmachen kannst. Bis sich meine Backgroundtänzerinnen von ihrer leuchtendsten Seite zeigen, Wege erhellen, wo das Geld wohnt, reiche ich jede Nacht aufs Neue meinem guten Freund die Hand und verziere sein Haupt mit meinem Scheinheil. In mir lüften sich Geheimnisse. In mir liegt die Wahrheit, die eben noch niemand für möglich gehalten hätte. Mich zum Tag zu machen ist keine gute Idee, denn ich bin und bleibe stärker. Mir kann niemand entgehen. Mit mir verstummt das Wort und bläht sich zugleich auf. Mit mir bahnt sich die Angst an. Mit mir ist alles anders und doch aufregend.
Aus Pappkartons werden Betten, aus Zeitungen Decken. Ich bin die Nacht und ich bleibe wachsam, auch wenn du schläfst. Ich wünsche dir, dass du nach Hause kehren kannst, wenn du überhaupt ein Zuhause hast. Bis morgen«, säuselte die Nacht und gab dem Tag einen Kuss.

screen-shot-2017-11-15-at-10-31-44-pmVielen Dank für deine Aufmerksamkeit,

deine

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