Lass die Finger von „Tage wie Türkis“



Lies mein Buch nur, wenn du keine Angst davor hast, es könnte etwas in dir bewegen.

 

Früher sperrte ich den Mund weit auf, wenn der Wind mir seinen Atem ins Gesicht hauchte und ich mit den Gedanken in den Wolken hing. Danach dachte ich immer ein kleines bisschen klarer.

Heute denke ich nichts, wenn der Wind zu mir spricht und ein Sonnenstrahl durch die Decke bricht. Und dabei versperre ich mich von Mal zu Mal ein kleines bisschen mehr.

 

Ich habe mein Buch gelesen und bin zu einem Entschluss gekommen. “Schön“, magst du jetzt vielleicht denken. „Sie ist zu Scherzen aufgelegt, schließlich hat sie das Buch ja geschrieben.” 
Ich verrate dir etwas: Keines meiner Bücher habe ich so oft gelesen wie “Tage wie Türkis”. Ich verrate dir noch etwas: Keines meiner Bücher habe ich so wenig gelesen wie “Tage wie Türkis”. 

Tautologie oder was?

Schreiben ist nicht verinnerlichen

Wie geht das zusammen? 

Man muss nicht immer alles erlebt haben, über das man schreibt, das ist allseits bekannt. Nachdem mich die  Veröffentlichung meines vierten Buches doch eher überrollt hatte (es war meine eigene Schusseligkeit, dass es dazu gekommen war), so dass ich noch nichtmal eine gebührende Release-Party für mein Buch organisieren konnte, hatte ich Angst TwT nochmal in die Hand zu nehmen.
Ich kann dir das Gefühl nur beschreiben. Irgendwas war da, das mich davon abhielt, die Novelle nochmal aufzuschlagen und wirklich zu lesen. Wie der Moment, in dem man den warmen Wasserstrahl einer Dusche skrupellos abstellen muss, wissentlich die angenehme Brause im  nächsten nackten Moment eiskalt verlassen zu müssen.

Mischung aus Muffensausen und Prüfungsangst – gespickt mit schlechtem Gewissen

Erstens war da eine Furcht, es könnten sich selbst nach dem hundertsten Mal Korrekturlesen noch Fehler eingeschlichen haben (und gütiger Kakaku, das hatten sie!) und zweitens blieb da eine Zerrissenheit. Die Panik, dass mich meine Protagonistin Amy doch mehr beeinflussen könnte, als es mir zu diesem Zeitpunkt lieb gewesen wäre. Dieser Moment ist spätestens jetzt gekommen. Mit diesem Text, gebe sich sie ab, die Angst. 
Ich will etwas verändern. Ich muss mich bewegen.

Was ist mein Anliegen

Ich will mich fix bei euch melden. Eigentlich will ich mich viel lieber tiefseeartig verkrümeln, mir die Decke über das Gesicht ziehen und kiloweise Pommes mit Dönersoße, Mayo und Ketschup in mich reinzustopfen, als mich hier zu offenbaren und mich angreifbarer zu machen als jemals in irgendeinem Post zuvor. Allerdings ist das ja mein virtueller Sekretär. Hier fühle ich mich wohl. Hier bin ich ganz bei mir. Und ihr seid meine Gäste. Zumindest ein wenig.

Außerdem isst es sich unter der Decke so schwierig, hinter vor gehaltener Hand noch weniger und auch nach dem frischen Wind suche ich hier vergeblich. Deswegen also, schreibe ich diesen Post, den ich eigentlich gar nicht schreiben will. 
Aber „eigentlich“ ist feige und uneigentlich ist es doch so, dass ich mir selbst etwas sagen, etwas eingestehen will, um wieder klarer denken zu können. Außerdem geht es euch etwas an. Sogar ganz gewaltig! Manchmal mehr, als mir lieb ist und dazu komme ich jetzt.

Komfortzone, pass auf, ich platze!

Natürlich schäme ich mich. Meine Scham gilt (m)einem modernen Problem. Ich habe es mir sicher nicht ganz alleine, nicht ohne Zutun der Umstände kreiert, aber wie es da sitzt, auf mich wartet, irgendetwas von mir zu ERwarten erscheint, die Zähne fletscht wie es nur ein soziales Netzwerkmonster tun kann und mich beherrscht, ist sicher meine Schöpfung. Meine Gedanken sind nämlich manchmal ganz toll im Bullshitmodus. Obwohl – sicher nicht alles was jetzt kommt, ist eine Illusion. Es ist sicher auch etwas Gemeinschaftswerk. Zumindest Flechtwerk. Aus Echt und Werk. Fremd und Eigen eben.

Schuld.

Ich gebe niemandem eine Schuld. Schuld macht schlapp. Trotzdem erkenne ich an: Social Media wird mir zu viel. 

Ich sorge mich zu viel um es, zu wenig um mich und manchmal darum vergessen zu werden. Nicht regelmäßig “abzuliefern”. Ich habe manchmal Angst, dass ich zu lange nichts von mir hören oder sehen lasse. Vor allem ich, die Jennifer Hilgert, die Autorin im Internet. Die, doch eigentlich auch Autorin im wahren Leben ist.

Vielleicht ist es eine bekannte Anforderung, dem der ein oder andere auch unterliegen mag, aber ich möchte versuchen weder eine Branche noch einzelne Personen anzuprangern.

Ich, die selbst Publizierende

Ich gehöre zu den schreibenden Autorinnen, die sich als Selfpublisher bezeichnen darf. Ich veröffentliche meine Bücher in keinem Verlag. (Zumindest noch nicht! Dream big!) Das heißt nicht nur, dass ich sie mit Hilfe eines Onlineanbieters selbst sschreibe, organisiere und herausbringe, sondern auch, dass ich mich um den gesamten Weg, den so eine Buch geht, selbst kümmere und sorge. Und ich schreibe bbewusst nicht “muss”, denn über dieses Glück, das tun zu dürfen, bin ich verdammt froh und auch ein kleines bisschen stolz, weil ich schon sehr lange dafür arbeite, dass ich dort bin, wo ich jetzt stehe. Trotzdem kommen gewisse Pflichten auf Selfpublisher zu, die wie in jedem anderen Job mit Dingen zu vergleichen sind, die man nicht mit Jubel und Juchzen ausführt oder es sind schlichtweg Angelegenheiten, die man abgibt, so wie ein Chirurg nicht den Ursprung von immer wiederkehrenden Abszessen behandeln kann, so kann ich mir kein professionelles Buchcover entwerfen, weil ich keine Grafikdesignerin bin und weil ich mich nicht mit den Programmen auseinandersetzen möchte, die das für mich erledigen könnten. Also habe ich eine. Also, eine Grafikerin.

Da ich mein Wissen über den Buchsatz, aus einem Onlinekurs habe (hat mir für “DichtBlick” super gelangt, obwohl die Hauptarbeit mein Mann gemacht hat, weil ich schier und schwanger(!) ausgeflippt bin), wollte ich für “Tage wie Türkis” jemanden haben, der mir dabei hilft. Natürlich muss man dafür Geld in die Hand nehmen und ich sage euch, so gerne ich vom Schreiben leben würde, davon bin ich noch entfernt. Also nehme ich Geld in die Hand, das mal meines war, bevor ich es aus einem Projekt nehme, um es in ein anderes zu stecken. Ich will nicht mosern oder jammern, ich will nur auf etwas hinaus.

S T O P !

Ich will darauf hinaus, dass mir die Art, wie ich als Selfpublisherin in Eigenregie Leser und Leserinnen über Social Media akquirieren sollte, nicht mehr gut tut. Ich will nichts von mir preisgeben, oder etwas von mir hören lassen, bloß um es zu tun. Ich will mich nicht darum sorgen müssen, dass man mich vergisst, wenn ich meinen Schreibprozess mal nicht dokumentiere. Ich schreibe ja trotzdem oder arbeite an etwas, auch wenn ich nicht meine Kaffeetasse mit Schreibstift fotografiere und euch erzähle, dass ich plotte, obwohl mein Kind eigentlich viel eher meine Aufmerksamkeit bräuchte oder ich gerade die Nerven verliere, weil ich weder zum Arbeiten, noch zum Zähne putzen, zum Lesen oder zum Nettsein zu meiner Mama komme.

Wenn es mir zu viel wird

Manchmal, wenn mir alles in meinem Kopf zu viel wird, stelle ich mir vor, mein Papa wäre auf Instagram. Dann muss ich lächeln und ich denke an die letzten Meldungen aus Syrien und der Welt und  ich frage mich,  ob ich sie noch alle habe.
Ich will nicht mindestens ein Mal am Tag etwas auf Instagram posten, nur um mein eigentlich ziemlich gewöhnliches Leben zu inszenieren und um aus mir eine Marke zu machen, bloß weil ich Kaugummis und Schneekugeln sammele und gerne auf Punkrockkonzerte gehe.

 Ich bin nicht besonderer als jeder andere auch! Ich schreibe. Du singst. Er fährt einen Lastkraftwagen. Sie verkauft Fleischwaren, die sie schlachtet. Es lernt laufen. Wir halten zusammen. Ihr schießt Tore. Sie putzen den Supermarkt, den ich am Morgen betrete.

Jeder macht irgendwas. Versteht mich nicht falsch.  Vielleicht würde ich einem singenden Müllmann, der mit Kaffeebechern jongliert auch auf Instagram folgen, weil er sympathisch ist, mich inspiriert oder einfach nur urkomisch ist und ich möchte niemanden angreifen, der seine Frühstücksschüssel ablichtet, bevor er dden Inhalt isst, denn genau das habe ich auch schon getan, weil es natürlich eine besonders leckere, eine besonders gesunde und aufwendig dekorierte Morgenmahlzeit war – ich maße mir auch keinerlei Bewertung an, schließlich bin ich nicht die Social-Media-Polizei, aber …

Ich frage mich gerade, wie weit möchte ich diesen Weg mitgehen und was kann ich tun, um auszubrechen, auszusteigen, Abstand zu bekommen ohne das Internet, bzw. Soziale Netzwerke völlig in Frage zu stellen, denn ein Netzwerk kann nichts für seine Nutzer und ich habe so viele tolle Menschen im Netz kennen gelernt, die es auch in mein reales Leben geschafft haben. Außerdem ist es ein sich anbiete des Instrument, als Künstler auf sich aufmerksam zu machen. Dich wie viel ist zu viel? Ich  sage es euch ganz offen: Es geht mir mit diesem Gefühl des „Drucks“ nicht mehr gut. Es ist sicher einerseits der Dunstkreis, in den ich mich selbst hülle: Wird man mich vergessen, wenn ich nicht mindestens ein Mal pro Woche blogge? Werden mich meine Kollegen noch beachten, wenn ich nicht mehr regelmäßig ihre Beiträge like? Wird man meine Bücher lesen, wenn ich sie nicht mit dem korrekten Marketingschlüssel bewerbe?

Mit Facebook fing alles an

Vor einigen Jahren habe ich meinen ersten Gedichtpost auf Facebook verfasst. Ich habe mich getraut, etwas von mir zu veröffentlichen. Meinen Text, den ich zuvor gut unter Verschluss gehalten habe, habe ich damals sozusagen weggeben. Aus meinen Gedanken und meinem Herzen, unter meinem geschrieben Fingern weggegeben. Seitdem ist viel passiert. Viel viel Gutes. 

Jetzt durchlebe ich aber gerade eine Zeit, in der ich mich wieder von etwas weniger Gutem lösen will, was mit meinem ganzen “Erfolg” einhergeht, um wieder etwas Neues hinzu zu gewinnen und um etwas Neues zu beginnen. Und dieses Mal ist es wieder ein Text, wie ihr lest und zugleich auch so viel, was ich von mir preisgebe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielleicht sind meine sich bewegenden Füße nicht so viel wert wie ein Selfie, das mich auf dem Weg nach Kopenhagen zeigt, dahin bin ich nämlich gerade unterwegs. In einem meiner liebsten Fortbewegungsmittel, dem Zug, aber diese Worte sind sicher ETWAS wert. Zumindest, haben sie gerade etwas in mir bewegt.

Man sagt, dass man einmal gebrannt haben muss, um ausgebrannt zu sein und ich kann sagen, dass ich seit ein paar Wochen nicht mehr alles schaffe, was ich vorher geschafft habe oder was ich schaffen möchte. Zu einem Teil mache ich dafür meinen Umgang mit Social Media verantwortlich. Zum anderen das Päckchen, das ich tragen muss, genauso wie auch eines auf deinen Schultern lastet. Vielleicht war ich nicht ehrlich zu euch, vielleicht nicht ehrlich zu mir. Jedenfalls möchte ich wieder zu mir zurück. Vielleicht helft ihr mir dabei, indem ihr mich nicht vergesst, solltet ihr nicht regelmäßig etwas von mir geboten bekommen.

Ich will schreiben! Das wollte ich schon immer. Hinzukommt seit einigen Jahren, dass ich auch gelesen werden will. Nichts anderes. Ich will mit euch austauschen, über Bücher und die Kunst, über das Leben und das Daneben. Ich will mir gut tun und damit euch, vor allem meiner Familie und meinen Freunden, denn die, die man am meisten liebt, bekommen den Groll manchmal als allererste ab und können doch am allerwenigsten dafür.

Ich bin keine Schriftstellerin geworden, um mich irgendwelchen Social-Media-Marketing-Gesetzen zu unterwerfen. Ich will mit euch kommunizieren und euch auch zu einem Teil in mein Selfpublisher-Leben lassen. Ich will schreiben und euch vorlesen und wieder Live-Lesungen machen und Blogbeiträge verfassen und Gedichte hochladen und meine Erfolge mit euch teilen, all dass will ich. Ja, wirklich! Aber ich will es auf gar keinen Fall müssen. Und ich weiß auch, dass diejenigen, die mich lesen wollen, das auch gar nicht erwarten. Allerdings ist es etwas, dieser Druck, den ICH loswerden muss. Damit wieder Wind in die Bude kommt.

Ich schaffe es nämlich nicht mehr zu müssen.

Ich will wollen. Und nicht bei Zeiten was sollen. Und ich will schreiben. Will wollen. Nichts müssen, mehr wollen. Ich will dürfen und nur bei Zeiten was sollen. Will schreiben. Und lesen. Für mich und dich.

3 Gedanken zu „Lass die Finger von „Tage wie Türkis“

  1. Jennifer Hilgert sagt:

    Das tut so gut zu hören, Susanne. Es ist nämlich wichtig Gleichgesinnte zu finden, damit wir uns zusammen gar nicht mehr klein, sondern ganz normal fühlen können. „Mit Maß und Ziel“ ist ein guter Merksatz finde ich und ich freue mich, dich über die Social Medias kennen gelernt zu haben. Das ist viel wert! Lass uns diesen Druckkreislauf, den der Leitungspatrone da in einem geht, durchbrechen und nicht ausschließlich in Reichweiten denken. Reichweite kennen Bauch und Herz doch gar nicht, oder?! Ich umarme dich zurück, deine Jennifer

  2. Susanne sagt:

    Liebe Jennifer,
    deine Zeilen berühren mich sehr, weil es mir da ähnlich geht. Und ich glaube, du hast da einen Nerv getroffen, weil ich das Gefühl habe, dass es mehr Menschen so geht.
    Ich liebe das Schreiben und ich brauche es, wie die Luft zum Atmen. Als ich beschlossen habe, nur noch einmal pro Woche zu bloggen, hat sich das natürlich auf meine Reichweite ausgewirkt, doch es geht mir viel besser damit und ich mag auch die Social Medias aber alles in Maß und Ziel. Ich merke zum Beispiel, dass ich unzufrieden werde, wenn ich zuviel Zeit im Netz verbringe. Alles wirkt so perfekt und dann fühle ich mich klein.
    Zu deinem Buch: Ich liebe es und weißt du was? Diese Art von Buch hätte ich früher so gerne geschrieben, nur fehlte mir der Mut.
    Ich wünsche dir alles Liebe und das es dir gut geht, du gesund bist und voller Lebensfreude und natürlich alles, was du dir selbst so wünscht.
    Fühl dich umarmt,
    Susanne

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